Freitag, 23. Dezember 2016

Die Geschichte vom Weihnachtslicht

weitere Kurzgeschichten gibt es unter dem Label:
Short Story - Kurzgeschichte



Aus: Rolf Krenzer, Meine schönsten Krippenspiele, © Kaufmann Verlag, Lahr 2004

Als die Engel den Hirten verkündet hatten, dass im Stall von Betlehem der König der Welt geboren worden war, da suchte jeder nach einem passenden Geschenk, das er dem Kind in der Krippe mitbringen wollte. „Ich bringe ein Schäfchen mit!", meinte der eine. „Ich eine Kanne voll frischer Milch!", sagte ein anderer. „Und ich eine warme Decke, damit das Kind nicht friert!," rief ein Dritter. Unter den Hirten war aber auch ein Hirtenknabe. Der war bettelarm und hatte nichts, was er dem Kind schenken konnte. Traurig lief er zum Schafstall und suchte in dem winzigen Eckchen, das ihm gehörte, nach etwas, was er vielleicht doch mitbringen könnte. Aber da war nichts, was auch nur den Anschein eines Geschenks hatte. In seiner Not zündete der Hirtenknabe eine Kerze an und suchte in jeder Ritze und in jeder Ecke. Doch alles Suchen war vergebens.

Da setzte er sich schließlich mitten auf den Fußboden und war so traurig, dass ihm die Tränen an den Wangen herunter liefen. Deshalb bemerkte er auch nicht, dass ein anderer Hirte in den Stall gekommen war und vor ihm stehen blieb. Er erschrak richtig, als ihn der Hirte ansprach: „Da bringen wir dem König der Welt alle möglichen Geschenke. Ich glaube aber, dass du das allerschönste Geschenk hast!"

Erstaunt blickte ihn der Hirtenjunge mit verweinten Augen an. „Ich habe doch gar nichts!", sagte er leise. Da lachte der Hirte und meinte: „Schaut euch diesen Knirps an! Da hält er in seiner Hand eine leuchtende Kerze und meint, er habe gar nichts!" Soll ich dem Kind vielleicht die kleine Kerze schenken?", fragte der Hirtenknabe aufgeregt.

„Es gibt nichts Schöneres", antwortete der Hirte leise. Da stand der Hirtenknabe auf, legte seine Hand schützend vor die kleine Flamme und machte sich mit dem Hirten auf den Weg. Als die Hirten mit ihren Geschenken den Stall erreichten, war es dort kalt und dunkel. Als aber der Hirtenknabe mit seiner kleinen Kerze den Stall betrat, da breitete sich ein Leuchten und eine Wärme aus, und alle konnten Maria und Josef und das kleine Kind in der Krippe sehen. So knieten die Hirten vor der Krippe und beteten den Herrn der Welt an, das Kind mit Namen Jesus.

Danach übergaben sie ihre Geschenke. Der Hirtenknabe aber stellte seine Kerze ganz nah an die Krippe, und er konnte deutlich das Leuchten in Marias und Josefs Augen sehen. „Das kleine Licht ist das allerschönste Geschenk!", sagten die Hirten leise. Und alle freuten sich an dem schönen Weihnachtslicht, das sogar den armseligen Stall warm und hell machte. Der Hirtenknabe aber spürte, wie in ihm selbst eine Wärme aufstieg, die ihn immer glücklicher machte. Und wieder musste er weinen. Jetzt weinte er aber, weil er sich so glücklich fühlte.
Bis zum heutigen Tag zünden die Menschen vor Weihnachten Kerzen an, weil ihnen das kleine Licht immer wieder Freude und Geborgenheit schenkt.

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